✎ Focus: Eine andere Art zu reisen

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Reisenotizen

REISEN NEU LERNEN

REISEN WIRD NEU DEFINIERT

REISEN NEU LERNEN

Die Wiederentdeckung des Reisens - der Beginn vom Ende des Massentourismus?

Ein Kommentar von Peter Kümmel

Noch in der Neuzeit war das Reisen, das Kennenlernen anderer Kulturen, das Entdecken von Landschaften einigen wenigen Eliten, von Handlungsreisenden, Wandergesellen oder Soldaten einmal abgesehen, vorbehalten. Vom individuellen Aufbruch bis zu einem Ziel war es sprichwörtlich ein Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang.

Spätestens seitdem Thomas Cook das erste Reisebüro einrichtete, entwickelte sich das Reisen zu einem Dauerschlager für Jedermann. Wie es die Technisierung mitsichbringt, wurde aus dem individuell Reisenden per Definition der Tourist. altMindestens einmal jährlich bedient er heute einen Wirtschaftszweig, der sich in den letzten Jahrzehnten zu einer globalisierten Tourismusindustrie entwickelt hat.

Massenangebote zu Billigstpreisen werden als die schönsten Wochen des Jahres verkauft. Dabei werden 'märchenhafte' Traumwelten, Kulturen, Strände und Unterkünfte feilgeboten, die es so, wenn überhaupt, nur noch für gut betuchte oder 'abenteuerlich' Reisende gibt.

Ökonomisch gesehen ist der Tourismus und damit die Demokratisierung des Reisens eine Erfolgsgeschichte mit jährlich märchenhaften Traumrenditen. Leider blieb die Ausformung einer demokratischen Lebens- und Umgangskultur dabei auf der Strecke. Sie wäre nötig gewesen, um die Freiheit des Reisens für alle Schichten auch zu einem kritischen Umgang mit dem eigenen Reiseverhalten und deren Konsequenzen für Umwelt, Kulturen und Gesellschaften sowie auch der Ökonomie zu führen.

Die Industrialisierung des Reisens hat also nicht nur das Reisen an sich grundlegend verändert, sondern einhergehend die soziale und ökologische Wirklichkeit in den Destinationen. Die Folgen können in zubetonierten Landschaften, der "Folklorisierung" und Vermarktung von Kulturen, einem immensen Ressourcenverbrauch mit fatalen Auswirkungen auf die Natur gesehen werden. Die Liste ließe sich beliebig erweitern und verfeinern. Schlussendlich, die Gastgeber mit ihren individuellen Ideen und authentischen Lebensweisen kamen in diesem Prozess der Standardisierung und Vereinheitlichung fast überhaupt nicht mehr vor.

Aber Märchen haben bekanntlich auch eine gute Seite, die Hoffnung auf Änderung geben. Insofern könnte der Tourismus tatsächlich noch ein "Erfolgsmärchen" werden, der die sozialen, ökonomischen und ökologischen Komponenten gleichrangig nebeneinander stellt.

Im Umdenken liegt der Trend derzeit im Tourismusmarkt, und selbst die Massenveranstalter können diesen nicht mehr ignorieren.

Eine wachsende Zahl von Menschen beginnt, sich nicht nur über ihre demokratischen Beteiligungsrechte bewußt zu werden und Bedürfnisse einzufordern, sie entdecken das Reisen  für sich als Erfahrung und Erlebnis. Dabei spielen Gastgeber mit ihren individuellen Angeboten wieder eine große Rolle.