✎ Reisenotiz Ardèche (Frankreich)

EINE RAUPE VERÄNDERT DIE REGION

Seide erobert die Welt

Die Seidenraupenzucht und die industrielle Verarbeitung des Rohstoffes Seide brachte im 19. Jhd. vielen Menschen in der Ardèche und den südlichen Cevennen nicht nur den Zugang in die Industriegesellschaft mit all seinen Veränderungen, sondern auch erstmals einen bescheidenen Wohlstand. Die größte Seidenproduktion Europas lag bis zum Ende des ersten Weltkrieges in dieser Region.

Ursprünglich kam Seide aus China über die Seidenstrassen und Byzanz nach Europa. Seidenstoffe war eines der begehrtesten und teuersten Luxusgüter in Europa, die Nachfrage war entsprechend. Kein Wunder, dass die Chinesen das Geheimnis des Seidenspinnens, etwa 5000 Jahre alt, für sich behalten wollten und jegliches Bestreben auf Verrat oder Verkauf von Eiern mit der Todesstrafe sanktionierte. Zwei Mönche sollen es gewesen sein, die das Geheimnis und die entsprechenden Voraussetzungen mit nach Europa brachten. Eine Reihe von Regionen wurden über die Jahrhunderte zu Zentren der Seidenproduktion.

Für die Produktion von Seide sind neben einer gefräßigen Raupe vor allem der Maulbeerbaum und ein mildes gemäßigtes Klima nötig, das sich u.a. in der Ardèche als optimal zeigte.

Der Maulbeerbaum wurde ebenso wie das Geheimnis der Seidenproduktion aus Asien eingeführt. Es ist ein sommergrüner Baum, der in seiner Wuchshöhe so angepflanzt wurde, dass er sich leicht ernten lies. Es waren aber nicht die Früchte - sie ähneln vom Aussehen her, aber auch geschmacklich denen der Brombeeren - weshalb der Baum angepflanzt wurde, sondern die sattgrünen dicken Blätter. Diese waren die einzige Nahrung der Raupen des Seidenspinners oder auch Maulbeerspinners, die sie nur frisch und in unglaublichen Mengen vertilgten. Der Maulbeerbaum markierte gerade in dieser Zeit die Landschaft. Auf sämtlichen Terrassen, in Parks und Alleen war er zu finden. Er stand in direkter Konkurrenz zum Kastanienbaum, der bis dahin als das Brot der Ardèche galt.

Die Eier dieses ursprünglich nur in Asien beheimateten Schmetterlings wurden von den Bauernfamilien gekauft und in speziell temperierten und präparierten Räumen (Magnanerie) aufgezogen. Die zuerst winzige Raupe wächst in einer wahren Fresssucht in den ersten 6 Wochen in rapidem Tempo zu einem 8 cm langen Monstrum heran, bevor sie sich innerhalb von 2-3 Tagen verpuppt. Der dabei entstandene Kokon besteht aus einem einzigen Faden, der bis zu 1 km lang sein kann. Um diesen ausspinnen zu können, muss die Larve oder der heranwachsende Falter innerhalb des Kokons getötet werden, was mit großer Hitze (Wasserdampf oder Heißwasser) geschieht. Damit wird vermieden, dass der Schmetterling beim Schlüpfen den Faden zerbeißt. Anschließend konnte der Faden in den Fabriken „abgehaspelt“, also auf Spulen gewickelt werden. Die Fäden jedes Kokons wurden miteinander verdrillt zu einem Faden. Schwierig war es, den Anfang des Fadens zu finden. Dies erforderte Fingerspitzengefühl und wurde zumeist von Frauen, aber vor allem von Kindern, bevorzugt Mädchen, unter harten und unmenschlichen Bedingungen in den Fabriken erfüllt.

Die Seidenproduktion brachte zwar einen gewissen Wohlstand in die Region, aber vor allem eine Veränderung der Lebensgewohnheiten mit sich und mit der Zeit auch die Abhängigkeit von der Raupe. Sie wurde zum Mittelpunkt im Leben der gesamten Bauernfamilien und beförderte sie mit einem Schlag ins industrielle Zeitalter. Die Bevölkerungsdichte war zur Hochzeit der Seidenproduktion so hoch wie nie zuvor und danach. Die Nachfrage nach Arbeitskräften in den Fabriken beschleunigte die Geburtenrate. Der Seidenboom brachte auch die Anbindung (Eisenbahnbau) an die Wirtschaftszentren und damit neue Perspektiven für die Menschen, die sie auch mit dem fast schlagartigen Ende der Seidenproduktion nach dem Ersten Weltkrieg bitter nötig hatten.

In der Region Ardèche gibt es mehrere Museen, die die Herstellung und Produktion von Seide, teils 'sehr lebendig' darstellen, aber auch die Veränderung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Menschen nachvollziehbar vermitteln.

Peter Kümmel